Zeitungsartikel Südwestpresse vom 14.02.2009
LEITARTIKEL · BILDUNGSOFFENSIVE: Nachhaltige Erkenntnisse
Mal ehrlich: Ein bisschen ist das, was OB Ivo Gönner als Ulmer Bildungsoffensive verkauft, auch Etikettenschwindel. Denn von den 83 Millionen Euro, die seit 2000 in Maßnahmen der Bildung flossen, handelt es sich bei einem erheblichen Teil um Schulhaus-Sanierungen und Sportstätten-Reparaturen. Sie wären auch fällig geworden, hätten Stadtspitze und Gemeinderat vor neun Jahren nicht die Bildungsoffensive ausgerufen, denn sonst wären die Häuser irgendwann eingestürzt.
Immerhin: Dieses Postulat war seiner Zeit voraus, Ulm entdeckte das Bildungsthema früher als andere Städte und noch ehe die ersten Pisa-Studien Deutschland in Depression stürzten. Die Stadtpolitik diskutierte über Bildung nicht zuletzt vor düsteren Ahnungen der Demografie, die besagen, dass in einer vergreisenden Gesellschaft ein Wettbewerb um junge Einwohner einsetzt. Soweit die neoliberale Betrachtungsweise der Bildung als Standortfaktor. Die Rathauspolitik hat darüber hinaus von jeher den Ehrgeiz, in der "Bildungslandschaft Ulm" für Chancengleichheit zu sorgen. Zuvorderst steht dafür der Oberbürgermeister, was sich für einen Sozialdemokraten auch gehört.
Nun ist die erste Bildungsoffensive abgeschlossen, freilich mit der Perspektive, dass die Bildungslandschaft weiterer Hege und Pflege bedarf. Die Jahre seit 2000 sind evaluiert, also wissenschaftlich untersucht. Der Qualitätstest, der 116 000 Euro gekostet hat und im Vergleich zum kritischen Zwischenbericht vor Jahresfrist reichlich weichgespült erscheint, beantwortet die entscheidende Frage nicht: Was hat die bisherige Bildungsoffensive gebracht? Was also lohnt es, weiter gefördert oder fortgesetzt zu werden?
Doch besticht die Analyse durch eine nachhaltige Erkenntnis, die uns auch prominentere Bildungsstudien wie Pisa oder die der OECD lehren: Wer generell nach höherem Bildungsniveau strebt, erreicht dies nicht, indem er sich höheren Töchtern widmet. Er muss vielmehr Bildungschancen auf breitem Felde eröffnen, sich um die Unterprivilegierten kümmern. Das sind in einem Land mit immer mehr jugendlichen Hartz-IV-Empfängern und steigendem Migrantenanteil arme Familien und solche, die nicht aus Deutschland stammen.
Es zeigt sich, wie verflochten Bildungsarbeit und Sozialarbeit sind und wie progressive Ansätze Gefahr laufen, aufgerieben zu werden im Gerangel um Kompetenz und Finanzverantwortung zwischen Bund, Ländern und Kommunen. Ein Beispiel ist die Sprachförderung, die - auch in Ulm so erkannt - durchgehen muss von der Geburt bis zum Schulende. Bis heute aber streiten Länder und Kommunen, wer für die Angebote in welchem Alter zahlen muss.
Es ist volkswirtschaftlicher Frevel, wenn es sich eine Gesellschaft leistet, Verlierer von Geburt zu erzeugen. Das Gebot der Chancengleichheit erlaubt es ihr auch nicht länger, ein Schulsystem zu dulden, das Kinder und ihre Schulkarrieren früher trennt als jedes andere. Schon erstaunlich: Politiker, die für das Abitur in zwölf Jahren sind, führen den europäischen Standard an. Dieselben Politiker unterbinden aber nicht, dass unsere Kinder wie nirgendwo in Europa außer in Österreich bereits als Zehnjährige aufgeteilt werden. Die Segregation der Viertklässler verhindert, dass sich die Schulchancen für Kinder aus (bildungs-)armen Familien nachhaltig verbessern. Auch dies unterstreicht die Ulmer Bildungsstudie. HANS-ULI THIERER
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