Zeitungsartikel Südwestpresse vom 20.02.2009
Tagesmütter steigen aus
Nach gesetzlicher Neuregelung lohnt sich die Betreuung kaum noch
Seit Anfang 2009 unterliegen alle Tagesmütter der Steuer- und Sozialabgabenpflicht. Das hat auch im Alb-Donau-Kreis Konsequenzen: Immer weniger Frauen sind bereit, diese Art der Betreuung zu übernehmen.
CHRISTINA KIRSCH
Alb-Donau-Kreis
Hochbetrieb bei Familie Märtens. Um die Mittagszeit rennen bei der Rottenacker Mutter vier Kinder gleichzeitig ins Haus und ziehen ihre Jacken aus. Jeder sucht seine Hausschuhe, jeder hat Hunger und jeder hat etwas zu erzählen. "Mittags ist viel los bei uns", sagt Marcella Märtens, der man anmerkt, dass die Ankunft nach festen Regeln abläuft.
Hausschuhe müssen sein und Hände waschen ebenso. Das Mittagessen steht schon fertig auf dem Herd und Felix (7), Elias (5), Nele (5) und Tizian (3) wissen genau, was sie wollen. "Nur Kartoffeln", bestimmt Nele und "das große Schnitzel", wünscht sich Felix. Tizi lässt sich das Schnitzel aufschneiden und möchte noch Soße, Elias berichtet aus dem Kindergarten.
"Der Geräuschpegel ist manchmal hoch", meint Marcella Märtens zu ihrer Großfamilie. Zwischen zwei und sieben Kinder hat die junge Mutter. Nele und Felix gehören zur Familie, die fünf anderen kommen mal über Mittag oder ein paar Stunden, wenn nötig. Marcella Märtens ist Tagesmutter. Aber eigentlich ist sie Erzieherin. Nur wäre sie als Erzieherin selbst auf eine Tagesmutter angewiesen, erzählt sie. So hat sie sich dazu entschieden, stundenweise Kinder zu betreuen. "Aber weder finanziell noch unter dem Aspekt der beruflichen Erfüllung ist das mit einer Berufstätigkeit als Erzieherin gleichzusetzen", sagt die Rottenackerin.
Zusätzlich schwer gemacht wird den Tagesmüttern eine Regelung, die seit Anfang des Jahres gilt. "Bis 2009 war das Betreuungsgeld aus öffentlicher Hand steuerfrei", berichtet Bettina Dreher, die beim Tagesmütterverein des Alb-Donau-Kreises für die Betreuung der Tagesmütter zuständig ist. Seit Januar müssen die Tagesmütter Steuern zahlen und sich selbst krankenversichern.
Für jede der Tagesmütter im Landkreis ist die neue Rechtslage eine ernste Überlegung wert. "Lohnt sich das überhaupt noch?", fragen sich viele. Denn nun sind ihre Einkünfte im einkommensteuerrechtlichen Sinn ein Gewinn. Doch der "Gewinn" schmilzt seit Anfang des Jahres dahin. So muss sich auch Marcella Märtens selbst krankenversichern. Und die Tagesmütter sind verpflichtet, Fortbildungen und Seminare zu besuchen.
"Im Schnitt bekommen Tagesmütter vier bis fünf Euro pro Stunde und Kind", sagt Bettina Dreher. Da die Pflegekinder aber auch Kosten wie Essen, Heizung und sonstige Kleinigkeiten verursachen, bleiben von den fünf Euro weniger übrig. Im Gegenzug muss sich die Tagesmutter bei der Berufsgenossenschaft anmelden, um unfallversichert zu sein. Das macht 79 Euro im Jahr. Ab einem Verdienst von 360 Euro im Monat müssen sie sich krankenversichern, was ebenfalls von den Einnahmen abgeht.
In die Betreuung ist Marcella Martens durch Zufall hineingekommen. "Erst hat mich die eine gefragt, dann die andere", erzählt sie. Wobei mit Tageskindern, die über Mittag eine Stunde kommen, kein Geld zu verdienen ist. "Ich hätte auch lieber Kinder, die ich ganztags oder fünf bis sieben Stunden am Stück betreuen könnte", wünscht sich Marcella Märtens. "Aber das können sich dann wieder die abgebenden Mütter kaum leisten." "Wir haben einen viel größeren Bedarf an Tagesmüttern", erklärt Bettina Dreher. Denn Tagesmütter sind flexibel und gleichen gerade die Zeiten aus, die von Kindertagesstätten, Kindergärten oder Schule nicht abgedeckt sind. "Ich versuche, möglich zu machen, was geht", meint Marcella Märtens. Die Betreuung muss auch mit den Aktivitäten ihrer zwei Kinder vereinbar sein. "Chor", "Jungschar" und "Jiu Jitsu" stehen auf den Wochenplänen von Felix und Nele.
Bis 2013 sollen 750 000 Betreuungsplätze in Deutschland geschaffen werden, etwa 30 Prozent davon in der Tagespflege. Nach Angaben des Deutschen Städte- und Gemeindebundes gibt es hierzulande etwa 36 000 Tagesmütter. Um die Vorgabe erfüllen zu können, müsste deren Zahl verdoppelt werden. Doch der Trend geht aufgrund der neuen Rregelung in die andere Richtung.
Auch Marcella Märtens macht das nur so lange, "bis ich als Erzieherin wieder einsteigen kann". Für die berufstätigen und studierenden Mütter von Tizian, Noah und Elias wird die Überlegung dann wieder lauten: Wohin gebe ich mein Kind um die Mittagszeit?
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